Depeschen


Unken! Buhrufe! Enten! Süsse Seegurken!

... Was über die Kryptogeopraphie und ihr Standwerk gemunkelt wird. Oder was die Kryptogeographische Gesellschaft munkelt.




 


 

05.10.2017: Nobelpreis für Science Fiction und Fantasy

Ein Nobelpreisträger mit Science Fiction und Fantasy im Repertoire: Bravo schwedische Akademie! Damit ist die letzte Karavelle ja schon fast obsolet geworden... In der Tat, die Zeiten ändern sich.



29.09.2017: Nesthocker, Flüchtlinge und Plünderer

Es hat nicht funktioniert, „fast keine“ Bücher zu kaufen in diesem Jahr. Unter anderem habe ich meine konstituierenden Fantasy- und Science-Fiction-Serien nachgekauft. Natürlich mussten die einst vor allem deshalb weichen, weil sie besonders viel Platz forderten. Aber das war auch eine Ausrede: ich habe mich, als Noch-nicht-veröffentlichter Autor, für diese Bücher geschämt. Ich weiss nicht, was ich mir denn genau vorstellte: welche Feuilleton-Polizei meine Privatbibliothek filzen würde, um zu entscheiden, ob ich literarisch würdig sei. Ich fühlte mich beobachtet und besonders schlau, dabei war ich nur eins, gehirngewaschen. Tolkien muss selbstverständlich neben Lönnrot’s Kalevala und Heaney’s Beowulf im Regal stehen, Stephen King neben Dickens, Dan Simmons' Hyperion/Endymion-Serie neben Keats, Le Morte Darthur neben Zimmer Bradley’s Avalon-Serie. Das ist die natürliche Ordnung.

Die Karavelle Vol. 10 No. 3 vom 28. September beschäftigt sich einmal mehr mit der öden Dominanz des "linearen psychologischen Realismus" in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und den Vorurteilen gegenüber der Genreliteratur. Eine Typologie der Leser wird erörtert, und ein Appell für Qualität als einziges literarisches Beurteilungskriterium ergeht.


21.06.2017: Auswandern nach Solwara

Man sagt mir das immer wieder: Wenn alle so denken würden wie du, wären wir noch in den Höhlen! Mit diesen Worten oder anders, aber ich kann jedenfalls entgegnen, dass der Mensch nie in Höhlen „gewohnt“ hat. Kalt, feucht, und oft schon besetzt vom nächsthöheren Glied in der Nahrungskette – wir würden diese Diskussion nicht führen, wenn unsere Vorfahren in Höhlen gelebt hätten.

Aber fortschrittsfeindlich bin ich nicht. Ich könnte mir vorstellen, auf den Planeten Solwara 1 auszuwandern, wenn es einer wäre. Dann könnte man versuchen, es anders zu machen, oder besser: einfach einmal NICHTS zu machen, nichts zu wollen; und natürlich wäre es wieder eine Kolonisierung. Soviel zu meinen Vorsätzen, nicht auszuwandern... Doch was zuviel ist, ist zuviel.

Früher war bestimmt nicht alles gut, nicht alles schlecht. Sicher ist, dass heute mehr schlecht ist als früher, weil es einfach von allem viel zuviel gibt, während zu viel Gutes verschwindet. Ausser Furcht; es gibt zu wenig Furcht, zu wenig Demut, zu wenig Nein.


Karavelle Vol. 10 No. 2 wurde am 21. Juni verschickt. Nach einem lauen Winter, einem sommerlichen Frühling und einem Frühsommer wie im Tal des Todes wird das kürzlich noch gelobte Zuhausebleiben bereits wieder infrage gestellt...



22.03.2017: Ein Ort, wo die Geier hingehen zum Sterben

Eine Ahnung kommt auf, dass diese Ortlosigkeit ein Grundübel unserer Zeit sein könnte. Oder, viel schlimmer, auch dies: da ein Ort neben Geologie und Exposition vorwiegend von Klima, Flora und Fauna geprägt ist, wird es bald keine Orte mehr geben. Die wesentlichen Merkmale der Orte wandern nun selbst, in solchem Tempo, dass viele Pflanzen und Tiere auf der Strecke bleiben. Wir können geologische Orte nicht mehr eine Menschenlebenszeit lang in- und auswendig kennen, sie ziehen jetzt sogar an denen vorbei, die meinen, zuhausezubleiben.

Die Karavelle Vol. 10 No. 1 vom 16. März begab sich auf Wanderschaft an ferne Orte und - man höre und staune! - lobte auch die Tugend des Zuhausebleibens. Das sind ja ganz neue Töne...



23.12.2016: Werke und Nächte

To-do-Listen haben zu Recht einen schlechten Ruf. Denn nie ist abends alles abgehakt, immer wird man wieder zum Würstchen, sogar wenn man richtig gerackert hat. Das passiert, weil man To-do-Listen nicht schreibt, um die Aufgaben tatsächlich zu erledigen, sondern um nicht auf sie zu vergessen. Mit den nicht vollständig abgehäkelten To-do-Listen meiner Biographie könnte ich eine Elefantenherde als Weihnachtsgeschenk einpacken, und Sie mit den Ihren bestimmt auch. Obwohl wir alle Perfektionisten und Arbeitstiere sind - wie kann denn das sein? Warum zweifeln wir an uns statt an den Methoden?

In der Karavelle Vol. 9 No. 5, verschickt am 9. Dezember, gab der Kryptogeograph ein paar erprobte, aber vielleicht in anderen Chaosküchen kaum umsetzbare Ratschläge (!) zum selbständigen Arbeiten ohne Chef und ohne Mitarbeiter, sowie einen indiskreten Einblick in die Zettelwirtschaft.

Die Kryptogeographische Gesellschaft wünscht allen zugewandten Orten sowie zufällig hereinschneienden Gästen frohe Feiertage und ein vorsatzarmes, glückliches Neues Jahr.



12.09.2016: Aufstand gegen die Ausrufung des Anthropozäns

In der Karavelle Vol. 9 No. 4 vom 8. September wehren wir uns gegen die erstmalige Benennung eines Erdzeitalters nach einer einzigen Art - uns selbst. Dieses ultimative Armutszeugnis unserer Hybris muss verhindert werden. Viel mehr ist es fünf nach Zwölf, höchste Eisenbahn, dass wir uns von unserem solipsistischen Menschenkleinkram abwenden und unsere schiere Anzahl reduzieren: durch freiwilligen und drastischen Rückgang der Geburtenrate (solange, falls!, uns diese Tür noch offensteht). Die Kryptogeographische Gesellschaft macht ein paar sehr bescheidene, vermutlich aber trotzdem schon als politisch unkorrekt empfundene Vorschläge. Niemand kann berechnen, wie viele Menschen auf der Erde leben könnten, ohne all unsere Mitbewohner (inklusive Wasser, Boden, Luft) dauerhaft zu schädigen. Viele Schätzungen gehen von etwa einer halben Milliarde aus, Optimisten rechnen mit zwei Milliarden.

Zur Erinnerung: jeden Tag leben 220'000 (zweihundertzwanzigtausend) Menschen mehr auf der Erde. Alle viereinhalb Tage eine Million. Alle zwölf Jahre eine Milliarde Menschen mehr. Jeder einzelne davon verursacht Lärm und Licht und Dreck und Landschaden. Nicht nur die Schildkröten verabschieden sich aus diesem Gewusel ... Wen das nicht bestürzt, dem ist nicht zu helfen.

(In der Zeit, die es brauchte, diese kurze Depesche zu schreiben, kamen beinahe 5000 neue Bürger dazu, Todesfälle schon abgezogen. Die Chance, dass gerade Ihr Kind die Welt retten würde, wenn Sie in diesem Augenblick eins zeugten, ist verschwindend gering.)